von Thomas Rünker

Christliche Gemeinschaft zwischen Kirchturm und mobiler Kaffee-Bude

In der „Denkbar“-Reihe ging es am Mittwochabend in Bochum-Wattenscheid um die Frage, in welchen Gemeinschaften Katholiken in Zukunft ihren Glauben leben.

Vielfältige Seelsorge in einer vielfältigen Gesellschaft

Am Ende des Abends waren sich alle Besucher der Denkbar“-Diskussion am Mittwoch in Bochum-Wattenscheid einig. Per Handzeichen signalisierten sie einstimmig: Auf die klassischen Ortsgemeinden mit ihren Kirchen und Gemeindezentren könnten die rund 100 Gäste im Höntroper Gemeindehaus „Magma“ notfalls verzichten – wenn es denn in Zukunft andere Formen gäbe, in denen sich katholische Christen zusammenfinden und ihren Glauben leben. Vor dem Hintergrund der laufenden Pfarreiprozesse, in denen es auch um die Aufgabe von Gebäuden und neue Möglichkeiten der Seelsorge geht, standen in dieser dritten „Denkbar“-Runde alternative Formen christlicher Gemeinschaften im Fokus. Dabei ging es nicht nur um neue Ideen, sondern auch um die Frage, ob diese auch an Rhein, Ruhr und Lenne tragen könnten. Denn dass es in Zukunft nicht mehr die eine, einzige Form von katholischer Gemeinde geben wird, steht für Michael Dörnemann, Leiter des Pastoraldezernats im Bistum Essen, außer Frage: „Ich bin der Überzeugung, dass es eine ganz plurale Pastoral geben wird“, sagte er zu Beginn der „Denkbar“ – weil eben auch die Gesellschaft immer vielfältigerer werde.

„Jedem Bergmann seine Kirche ans Bett“

Zunächst stand jedoch der Blick zurück auf der Agenda. Der Theologe Franziskus Siepmann, schilderte, wie es im Zuge der Industrialisierung, vor allem aber nach der Gründung des Bistums Essen 1958 zu einer enormen Kirchendichte im Ruhrgebiet gekommen ist. Er beschrieb die mit dem ersten Ruhrbischof Franz Hengsbach verbundene Gründungseuphorie und dessen Bauprogramm mit dem Ziel der „Pantoffelkirchen“. Unter dem geflügelten Slogan „jedem Bergmann seine Kirche ans Bett“ habe das Bistum damals bis zu 25 Prozent seines jährlichen Haushaltsvolumens in den Neubau von Kirchen und Gemeindegebäuden investiert. Bereits Mitte der 1960er Jahre habe man jedoch erkannt, dass das Konzept, durch möglichst viele Kirchen auch den Gottesdienstbesuch zu steigern, nicht funktioniert, so Siepmann. Hengsbach habe sich aber weder auf Überlegungen zu den rund 40 Jahre später eingerichteten Großpfarreien eingelassen – noch auf das Konzept des „Wohnviertelapostolates“ seines Weihbischofs Julius Angerhausen.

Spezielle Seelsorge für Schulkinder, Banker oder Surfer

Angerhausens Idee, katholische Laien dezentral in ihrer jeweiligen Nachbarschaft einzusetzen, um ergänzend zu den zentralen Einrichtungen einer Pfarrei vor Ort caritative Arbeit zu leisten und das Evangelium zu verkünden klang für manchen „Denkbar“-Besucher ausgesprochen modern. So gab es einige Parallelen zu den Projekten der „FreshX“-Bewegung, die der Redemptorist Marco Limberger im zweiten Teil des Abends vorstellte. Die aus der Anglikanischen Kirche in Großbritannien stammende Entwicklung ermuntert Christen neben den bestehenden Gemeinden neue Projekte zu gründen, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die die bestehenden Gemeinden nicht erreichen. Für Limberger ist das ein logischer Ansatz, der in einer vielfältiger werdenden Gesellschaften immer wichtiger wird: „Wenn wir den Auftrag Gottes ernst nehmen, dass wir zu jedem Menschen gesendet sind, müssen wir Formen finden, auch jeden Menschen zu erreichen.“ Wie unterschiedlich dies gelinge, zeige die Vielfalt der FreshX-Projekte, die von Schulkinder-Betreuung bis hin zu speziellen Seelsorge-Projekten für Banker oder Surfer reichten. Bislang sei die katholische Kirche in der überkonfessionellen FreshX-Bewegung eher unterrepräsentiert, so Limberger. Doch das mag sich ändern, wenn sich herumspricht, wie viele Menschen die anglikanische Kirche mittlerweile mit dieser Form christlicher Gemeinschaften erreicht.

Nähe, die immer weniger geografisch gemeint ist

Dass es neben der Ortsgemeinde auch in der Vergangenheit viele Formen katholischer Gemeinschaften gab, hatte zuvor schon Siepmann mit Verweis auf Verbände wie Kolping oder KAB betont. Welche alternativen Gemeinschaftsformen Katholiken heute leben, demonstrierten 14 Initiativen in der Pause des „Denkbar“-Abends. Von den „Wattenscheider kleinen christlichen Gemeinschaften“ über die „Schalke-Kirche“ in Gelsenkirchen, tägliche Gottesdienste im Kurznachrichten-Dienst Twitter oder die Touristenseelsorge auf Texel und die abendlichen „Nightfever“-Gebete reichte der Bogen. Egal ob bei den vielen Kirchbauten der Hengsbach-Zeit oder alternativen christlichen Gemeinschaftsformen – „es geht immer darum, nah bei den Menschen zu sein“, fasste es am Ende „Denkbar“-Organisator Michael Meurer zusammen. Eine Nähe, die indes immer weniger geografisch gemeint ist.

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