Das Ringen um die richtigen Worte

Verreckt die Kirche an ihrer verschrobenen Sprache, oder hilft Religion, Erfahrungen mit Gott in Worte zu fassen? Kritische Diskussion über eine neue Sprache der Kirche in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“

„Ganzheitlichkeit“, „Ein Stück weit…“, „Wir dürfen…“: Spröde, gestelzte Kirchensprache nervt, darüber waren sich alle Podiumsgäste eines Akademieabends am Dienstag, 5. Juli 2016 in der „Wolfsburg“ in Mülheim einig. Unter dem Titel „Wie kann eine neue Sprache der Kirche klingen?“ hatte die katholische Akademie den Politikberater und Blogger Erik Flügge zum Gespräch eingeladen. Flügge, 30 Jahre alt, hat im Mai sein Buch „Der Jargon der Betroffenheit“ veröffentlicht –Untertitel: „Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ – und hat damit in kurzer Zeit Platz 17 der Spiegel-Bestsellerliste erreicht. Darin wirft er der Kirche vor, in verschrobenen, gefühlsduseligen Wortbildern an ihren Zuhörern vorbei zu texten: „So lange man mit euch ein Bier trinkt, klingt ihr ganz normal. Sobald ihr aber für eure Kirche sprecht, versteht man euch nicht mehr.“ Menschlich, nah und verständlich sollten Theologen auch in der Predigt sprechen, so Flügges Forderung in der Diskussion unter Leitung von Akademiedozent Dr. Jens Oboth.

Seine Mitstreiter auf dem „Wolfsburg“-Podium gaben Flügge in vielen Punkten Recht. Es sei sein „Riesen-Verdienst“, dass er mit seiner Kritik an der Kirchensprache den Nerv vieler Menschen treffe, bescheinigte ihm der Bochumer Pastoraltheologe Prof. Matthias Sellmann. Die evangelische Theologin und Autorin Christina Brudereck aus Essen stimmt dem zu: „Oft weiß ich nicht, was das, was da in der Kirche gesprochen wird, mit meinem Leben zu tun hat.“ Und Gereon Alter, Pfarrer auf der Essener Ruhrhalbinsel und erprobter Sprecher des „Wortes zum Sonntag“, hält ebenso wie Flügge eine bessere „Feedback-Kultur“ in der Kirche für dringend erforderlich.

Uneins war man sich auf dem Podium der „Wolfsburg“ jedoch darüber, wie eine neue Sprache der Kirche aussehen könne. „Theologie kommt dort an die Grenzen, wo das Geheimnis beginnt“, formulierte Brudereck den Umgang mit dem Religiösen. Auch andere Berufsgruppen – etwa Pädagogen nach 30 Jahren Berufserfahrung – könne man am eigenen Jargon erkennen, daran störe sich niemand, gab Gereon Alter zu bedenken. Sellmann findet, man müsse über Gott anders sprechen als über banale Themen des Alltags: „Dafür bietet Religion eine eigene Sprache. Im Gottesdienst möchte ich mich stärken und mit meinem Gott in die neue Woche starten. Die Nahrung bekomme ich aus der Bibel und der Eucharistie. Da geht es mir nicht um Ästhetik oder Entertainment.“ Das Publikum der „Wolfsburg“ honorierte diese Einlassung mit Zwischenapplaus. Brudereck allerdings antwortete Sellmann: „Sie sind katholisch, das merkt man. Aber was ist mit den Leuten da draußen, die nicht Ihr Vorwissen haben?“

Einen gemeinsamen Vorschlag für einen neuen Sprachstil in Seelsorge und Gottesdienst konnte der Akademie-Abend nicht bieten. Auch Erik Flügge selbst bekannte, die schwierigste Stelle seines Buches sei die gewesen, als er selbst eine Predigt schreiben, nahbar und vernünftig von Gott sprechen wollte. So verfolgt jeder der Diskutanten eigene Versuche, den Glauben an Gott in die Gegenwart zu übersetzen: Pastoraltheologe Sellmann gibt mit www.sinnstifterpool.de eine neue Datenbank für Kirchen- und Glaubensmarketing heraus. Pfarrer Alter geht mit dem „Wort zum Sonntag“-Team regelmäßig in Feedback-Runden. Theologin Brudereck hat außerhalb der Pfarreistrukturen eine Gemeinde ins Leben gerufen, in der jeder predigen kann. Und Autor Flügge stellt sich mit seinem kritischen Buch in ganz Deutschland der öffentlichen Diskussion. (cs)

Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. Verlag Kösel 2016

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