von Cordula Spangenberg

Das Privileg religiöser Freiheit

Pastoraltheologe Sellmann warf in Wattenscheid-Höntrop einen optimistischen Blick auf die Umbrüche in Gesellschaft und Kirche: „Religion ist ein Wachstumsmarkt.“

Optimismus war das Schlüsselwort der Veranstaltungsreihe „Kirche auf dem Drahtseil“ am Dienstagabend, 6. September, in Bochum-Wattenscheid-Höntrop. Der Bochumer Pastoraltheologe Prof. Matthias Sellmann brach dort in der Gemeinde St. Maria Magdalena vor rund 90 Zuhörenden eine Lanze für die Komplexität des modernen Lebens, der auch die „atemberaubenden Umbrüche“ in der Kirche geschuldet seien. Sein Fazit: „Es ist ein Riesen-Privileg, in Zeiten religiöser Freiheit leben zu dürfen.“

Prof. Matthias Sellmann: „Die erste Pflicht eines Christen ist es, Hoffnung zu versprühen.“ (Foto: Achim Pohl | Bistum Essen)

Dass das Leben komplexer wird, zeigte Sellmann an Beispielen aus dem ganz normalen Alltagsleben: Es gibt längst nicht mehr nur drei Fernsehprogramme, sondern Hunderte, die auf allen Endgeräten und zu beliebigen Zeiten abgerufen werden können – also muss man sich entscheiden. Auch die medizinische Versorgung ist nicht mehr durch den guten alten Hausarzt abgesichert, sondern durch Fachärzte, Notfallpraxis und Homöopathen – der Patient hat also die Qual der Wahl. „Und dann gibt es noch den Tchibo-Effekt“, sagte Sellmann, „Tchibo bietet als Kaffeehandel keine Erwartungssicherheit mehr, denn hier gibt es auch Ausstattung für Garten, Sport und auffallend oft Damenunterwäsche.“ Tchibo habe seinen Markenkern weiterentwickelt und den Kaffee mit Lebensstil und Ökologie verknüpft, um im Bewusstsein der Konsumenten zu bleiben. Auf ähnliche Weise sei auch der Markenkern der Kirche unsicher geworden.

„Irgendwie geht im Moment alles durcheinander“

Entsprechend nehme die Komplexität in der Kirche zu und sorge für Unruhe und Irritation: „Früher war ‚religiös‘ gleichbedeutend mit ‚nett und harmlos‘. Aber sagen Sie heute mal auf offener Straße, sie seien religiös.“ Zugleich hätten zahllose Zeitgenossen hohe Erwartungen an ihre freiheitliche Selbstbestimmung, die zu der Haltung führe: „Ich verbitte mir, dass die Kirche mir vorschreibt, wie ich zu leben habe.“

Zwar sage das Gegenwartsgefühl vielen Menschen: „Irgendwie geht im Moment alles durcheinander.“ Aber, so Sellmann, es habe in der Geschichte immer schon Zeiten gegeben, in denen der Glaube sich wandle: so etwa während der Konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert, die den Weg des Christentums zur Staatsreligion ebnete, oder mit der Säkularisierung im 19. Jahrhundert, die die Trennung von Religion und Staat und so eine demokratische Gesellschaftsform vorbereitete. „Manche sagen, wir lebten gerade wieder in einem solchen komplexen Umbruch“, erklärte Sellmann, „der große Treiber unserer Kultur ist die Selbstbestimmung.

Freiwillig Christ sein und Neues ausprobieren

„Das ist positiv“, schärfte der Pastoraltheologe seinen Zuhörern ein. Denn wenn Christsein nicht mit Macht und Kontrolle erzwungen werde, sei das Christentum eine freiwillige Option, ein erfülltes Leben zu führen. Bindung an die Pfarrgemeinde zu erzeugen, spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle. „Ich staune, wie wenig wir da experimentieren und Neues ausprobieren“, sagte Sellmann, „insofern bin ich ein Fan der 20 Zukunftsbildprojekte des Bistums Essen.“ Denn Religion sei in Deutschland ein Wachstumsmarkt: „Die Deutschen wollen anspruchsvoll religiös sein. Wir müssen ihnen so viel Qualität bieten, dass sie sagen: Diese Stunde Lebenszeit in der Kirche ist gut investiert.“

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