Bischof Hengsbach zwischen Kirch-Bauten und Pillen-Streit

Für eine Doktorarbeit hat der Essener Theologe Franzikus Siepmann die ersten Jahre von Franz Hengsbach als Bischof des neugegründeten Ruhrbistums erforscht. Hengsbach habe dem Bistum ein ausgesprochen "ambivalentes Erbe" hinterlassen, so Siepmann, der seine Ergebnisse jetzt in der Akademie "Die Wolfburg" vorgestellt hat.

Das ambivalente Erbe von Bischof Hengsbach

Wer war Franz Hengsbach, der Gründungsbischof des Bistums Essen? Ein engagierter Reformer oder ein Feind kirchlicher Erneuerungsbewegungen? Geschätzter Dialogpartner oder autoritärer Kirchenführer? Ein Vordenker neuer Pfarreistrukturen oder der Bischof, der mit seinen Kirchen-Neubauten auch zahlreiche Probleme hinterlassen hat? 23 Jahre nach dem Tod Hengsbachs (1910 – 1991) hat der Essener Diplom-Theologe Franziskus Siepmann die ersten Jahre des jungen Bischofs für seine Doktorarbeit an der Ruhr-Uni Bochum erforscht und „Hengsbachs ambivalentes Erbe“ am Montagabend in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg in Mülheim vorgestellt.

Hengsbach sei der „personifizierte Gründungsmythos“ des Ruhrbistums, analysierte Siepmann. Für den jungen Forscher kam die Gründung des bereits in den 1920er Jahren angedachten Ruhrbistums 1958 „sicherlich zu spät“. Damals sei es – anders als zunächst geplant – nicht mehr möglich gewesen, die Bergleute in besonderem Maße seelsorgerisch zu erreichen. Zudem sei es in den Jahren vor der Bistumsgründung kaum mehr um die Pastoral als um den Zuschnitt des Bistums, um Kirchensteuer-Einnahmen und Priesterzahlen gegangen. „Hengsbach passte wie kein Zweiter in diese inhaltliche Lücke“, so Siepmann, der „durchaus Parallelen zwischen dem jungen Hengsbach in den Jahren kurz vor der Bistumsgründung“ und Barack Obama mit seinem „Yes we can“ sieht.

Zehn Jahre später, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965), der umstrittenen „Pillen-Enzyklika“ Humanae Vitae und dem von heftigen Debatten begleiteten Essener Katholikentag 1968 hat sich das Bild Hengsbachs nach Ansicht Siepmanns gewandelt: Vehement verteidigte der Bischof gegen zum Teil heftigen Widerstand von Priestern und Laien das päpstliche Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung und tat sich auch bei anderen Themen mit Kritik ausgesprochen schwer. Hengsbach sei „mehr oder weniger derselbe geblieben, der er seit 1958 war“, so Siepmann, aber er habe wohl neuen Entwicklungen – auch in der Kirche – zu wenig Raum gegeben. „Ab etwa 1968 war Hengsbach in seiner Kirche gewissermaßen ein Gefangener seiner selbst.“

Mit Blick auf die zahlreichen Kirchen, die unter dem ersten Ruhrbischof gebaut wurden, betont Siepmann: „Man kann nicht sagen, dass Hengsbach alle Kirchen gebaut hat, die jetzt geschlossen wurden.“ Viele Pfarreien hätten auch vor 1958 bereits existiert. Und das Konzept, möglichst viele, familiäre Gemeinden auszubauen hätte es auch in den Bistümern Münster und Köln gegeben. „Allerdings hat Hengsbach dieses Konzept forciert“, erläutert Siepmann und verweist unter anderem auf das Pastoral-Soziologische Institut des Bistums und dessen „Seelsorge vom Reißbrett“: Demnach sollte kein Katholik im Ruhrgebiet weniger als 750 Meter Luftlinie von einem Kirchturm entfernt leben. Allerdings seien die Ausgaben für die Pfarreien im Bistumshaushalt zwischen Mitte und Ende der 1960er Jahre bereits von zunächst 25 auf später lediglich gut 10 Prozent reduziert worden – bereits da hatte man sich, auch mit Blick auf sinkende Priesterzahlen, vom Konzept der familiären Kirchengemeinden verabschiedet, so Siepmann.

Für seine Ausführungen erhielt der Doktorand in Mülheim viel Applaus. Doch die ambivalente Bewertung Hengsbachs zeigte sich auch in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum und zahlreichen Zeitzeugen. So verwiesen einige auf Hengsbachs theologisches Wirken rund um das sogenannte Laienapostolat, andere betonten indes, dass Hengsbach zwar das Wirken der Laien im sozialen und politischen Bereich – etwa beim gemeinsamen Kampf um einen menschenwürdigen Strukturwandel im Ruhrgebiet – geschätzt habe. Einmischungen in pastorale, seelsorgerische Themen habe er sich indes verbeten. „Der Bischof setzte stark auf den weltlichen Dienst der Laien“, beschrieb es der emeritierte Essener Weihbischof Franz Grave.

Der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, zeigte sich „dankbar, dass wir heute eine Gelegenheit haben, aus der Distanz auf die Geschichte unseres Bistums zu schauen“. Er selbst hatte Hengsbach noch als junger Priesteramtskandidat erlebt und bestätigt die von Siepmann beschriebene Weltferne des späten Hengsbach: „Wenn er uns im Priesterseminar besucht hat, haben wir ihm etwas vorgespielt“, so Pfeffer. Aus der Zeit Hengsbachs nehme er mit, dass die Nähe zu den Menschen, die ja auch das Zukunftsbild des Bistums Essen betone, im Ruhrbistum schon immer eine große Rolle gespielt hat. Wie zu Zeiten Hengsbachs „wollen wir auch heute eine Kirche für die Gesellschaft sein und uns nicht in irgendwelche traditionalistischen Kreise einigeln“, so Pfeffer. (tr)

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