Als Kirche mitten im Leben stehen

Deutliche Worte fielen beim Jahresempfang der Katholischen Akademie "Die Wolfsburg" in Mülheim. Aktuelle und zugleich wichtige Themen standen im Mittelpunkt. Erstmals war auch Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck Gast bei diesem traditionellen und gut besuchten Treffen.

Viele Gäste beim Jahresempfang der Wolfsburg

Groß war der Andrang beim traditionellen Jahresempfang der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. Die Sitzplätze waren schnell belegt. Etliche Gäste mussten mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Andere verfolgten den Empfang an Monitoren im Foyer der Akademie. Ob die Neugier auf den neuen Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck oder die große Wertschätzung, die die Akademie zweifelsohne genießt, der Grund für die außergewöhnliche Resonanz war, sei dahingestellt. Jedenfalls freute sich Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck über die vielen Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kirche, Kultur und Gesellschaft.

In seinem Grußwort machte Schlagheck deutlich, dass sich die Akademie  nicht – wie es der erste Bischof des Bistums Essen, Kardinal Franz Hengsbach einmal ausgedrückt hat -  als „katholisches Ghetto“ verstehe, dass die „Türen für die Begegnung mit vielen Menschen immer weit offen“ stünden. Nicht ohne Stolz erwähnte der Akademiedirektor das kirchliche Engagement bei der Kulturhauptstadt Ruhr.2010: „Wir prägen die Kulturhauptstadt mit.“ Auf unterschiedliche Weise werde gezeigt, wie Christen die Region bereits vor über 1250 Jahren geprägt hätten. „Und wir zeigen, wie Christinnen und Christen heute und zukünftig ihr Leben deuten und gestalten, und nichts anderes meint Kultur“, so Schlagheck.

In seinem Streifzug durch Themenstellungen und –schwerpunkte der Akademie hob er die zahlreichen Tagungen, Gespräche und Beratungen mit Verantwortungsträgern aus Wirtschaft und Politik zur Finanz- und Wirtschaftskrise hervor. „Dabei haben wir die großen Erwartungen an die Kirchen gespürt, das in der christlichen Sozialethik vorhandene ethische Potenzial zur Krisenbewältigung kraftvoll einzubringen“, so Schlagheck. Darum werde man sich auch weiterhin bemühen. Auch das Zusammenleben mit Muslimen, das Projekt „Jugenddialog 2020“, die Kreuzgang- und Domgespräche in Essen sowie die „Gemeinsame Sozialarbeit der Konfessionen“ im Bergbau und bei Opel seien Schwerpunkte der Akademiearbeit.


Neue Wege beschreiten

In seinem Grußwort erwies sich Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck –wie schon in den ersten drei Wochen seiner Amtszeit – als exakter Analytiker der Wirklichkeit. Bezugnehmend auf den Strukturwandel innerhalb des Bistums Essen machte er deutlich, dass es notwendig sei, „sich von einer lieb gewordenen Gestalt von Kirche zu verabschieden“ und neue Wege zu beschreiten. „Lassen Sie uns gemeinsam nach vorne blicken, Ziele bestimmen und mit Zuversicht und einer aus unserem Glauben kommenden Freude darauf zugehen“, ermunterte Overbeck. Eine kirchliche Strukturreform wende sich nicht nur organisatorischen Fragen zu. Es müssten immer wieder auch „theologische und spirituelle Dimensionen des Christentum und des Glaubens“ neu entdeckt und aufgedeckt werden. Er erhoffe sich von der Akademie, dass sie aktuelle Entwicklungen in der Theologie, der Exegese, der Pastoraltheologie und Liturgiewissenschaft aufgreife und so zur Diskussion stelle, „damit sie für die Praxis und den Glauben in unseren Pfarreien und Gemeinden fruchtbar werden können“.

Wiederholt machte Overbeck deutlich, dass es der Kirche im Ruhrbistum um alle Menschen gehe, um deren Alltagsfragen, wirtschaftlichen und sozialen Sorgen sowie um deren Beteiligung an der Entwicklung der Region. „Ruhrbistum zu sein, heißt als Kirche mitten im Leben zu stehen“, betonte der Bischof. Die Wolfsburg stehe mit ihren vielfältigen Projekten gemeinsam mit gesellschaftlichen und kirchlichen Partnern  nicht für einen Rückzug aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Er sei dankbar, dass sich die Akademie für eine „christliche Zeitgenossenschaft“ einsetze und dabei ihren Standpunkt nicht verstecke. „Es geht darum, Zeugnis zu geben von der Hoffnung auf die Zukunft Gottes und die soziale Praxis davon nicht abzuspalten“, sagte Overbeck.


Konsequenzen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise ziehen

Weiterhin die Kultur im Ruhrgebiet mitzuprägen, auch dazu rief der Bischof auf. Schließlich reiche die kulturelle Kraft des Christentums in der Region weit zurück. Ausführlich ging der Bischof auf die Wirtschafts- und Finanzkrise ein. Nicht wenige Menschen bangten um ihre Arbeitsplätze. Junge Menschen quälte trotz einer guten Ausbildung die Sorge um eine Anstellung. „Sorgt unsere Soziale Marktwirtschaft für ein sozial gerechtes Zusammenleben?“, fragte Overbeck. Er warnte vor einer Rückkehr zur „scheinbaren Normalität“ und forderte eine ernsthafte Aufarbeitung der Krise und richtungsweisende Konsequenzen. Denn die Soziale Marktwirtschaft sei ein „Gesellschaftsmodell, das für Wohlstand, gesellschaftliche Teilhabe – wie zum Beispiel an Bildung und Arbeit – sowie für soziale Gerechtigkeit steht“, betonte Overbeck. Es müsse neu nach den persönlichen und gesellschaftlichen Wertgrundlagen des wirtschaftlichen Handelns gefragt und der Ordnungsrahmen weiterentwickelt werden. Ein einfaches „Weiter so“ dürfe es im Interesse der Menschen nicht geben. Mit Unternehmen, Gewerkschaften und anderen Partnern müsse deshalb über die ethischen Grundlagen der Gestaltung von Wirtschaft nachgedacht  werden. Overbeck appellierte daran, das Augenmerk vor allem auf die zu richten, die durch die Krise an den Rand geraten seien. Dieser Einsatz sei keine „Nebenbeschäftigung von Gutmenschen“, sondern gehöre zum „Kernbereich des christlichen Dienstes am Menschen“.

Zahlreiche Herausforderungen sieht Bischof Overbeck auch im Bereich von Medizin und Gesundheitswesen. Den sinnvollen Umgang mit den Möglichkeiten der Gendiagnostik nannte er hier genauso wie den Stellenwert ethischer Fragestellungen in der Medizin, das Selbstbestimmungsrecht von Patienten, die Ausgestaltung der kirchlichen Identität der Krankenhäuser sowie den gerechten Zugang zu medizinischen Leistungen. Der Wolfsburg und ihren Gästen wünschte der Bischof abschließend Tagungen und Projekte, „mit denen Verständigung gesucht wird über die tragenden Grundlagen unseres Gemeinwesens angesichts der notwendigen Neuorientierungen“.


Darstellungspolitik dominiert, Entscheidungspolitik nimmt ab

Deutliche Worte fand Professor Dr. Dr. Karl-Rudolf Korte in seinem kurzweiligen Vortrag zum Thema „Regieren und Wählen: Über das Verschwinden der Politik“. Mit zum Teil spitzen Bemerkungen beschrieb der Politikwissenschaftler der Universität Duisburg-Essen den Wahlkampf zur letzten Bundestagswahl, das Agieren von Politikern und die Reaktion der Wähler. “Politik verschwindet als öffentliches Ringen um Inhalte“, so das Fazit von Korte. Das habe sich nicht nur im letzten Wahlkampf gezeigt, sondern auch in der Finanz- und Wirtschaftskrise. Es habe sehr viel an „Gewissheitsschwund“ gegeben. „Die Krise hat die politische Mitte harmonisiert, aber zu keinem öffentlichen Austausch über Inhalte geführt“, so Korte.

Er beobachtet außerdem eine „Krise der politischen Repräsentation“. Die Volksparteien seien zu „Konsensmaschinen im Windkanal“ geworden. Sie verlören an Zustimmung und Profil. Das führe zu einer Verunsicherung der Stammwähler.  Die Lagerpolarisierung in dem Fünf-Parteien-System habe abgenommen. Eine „Koalitionslotterie“ sei entstanden. Der Wähler habe immer weniger Einfluss auf die Bildung einer Regierung. „Wir wissen nicht, was mit unserer Stimme inhaltlich passiert“, beschreibt Korte dieses Phänomen. Auf der anderen Seite sei der Wähler zu einem „Schnäppchenjäger“ geworden. Das belege die hohe Zahl der Nicht- und Wechselwähler. Das hätte auch an den „schwachen Häuptlingen“ Merkel und Steinmeier beim letzten Wahlkampf gelegen. Beide hätten wenig Pointierung gezeigt. „Sie waren mehr Taktiker, weniger Großstrategen im Hinblick auf inhaltliche Aspekte“, so das Urteil des Professors.

Auch das Auftreten von Politikern in Medien spiele eine wichtige Rolle. Dort dominiert nach Ansicht von Korte eine „Darstellungspolitik“ und weniger eine „Entscheidungspolitik“. Die endlosen Talkshows seien letztendlich ein „Abfragen von Reflexen, nicht von Inhalten“. Der Auftritt zähle, nicht das Argument. Einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Wähler hätten auch demoskopische Umfragen. „Wir lieben das Messbare, weil uns die Maßstäbe fehlen“, so Korte. Inhalte spielten da kaum eine Rolle.
Der Professor plädierte für eine „Wortpolitik“, die Politik erklärt und begründet: „Worte schaffen Realitäten. Sprachverlust führt zu Machtverlust.“ Ferner sei eine „wertgebundene Führung“ notwendig, denn eine Gesellschaft brauche „Zielbildung und Zukunft“. Diese Führung müsse authentisch und stilsicher sein, eine Führung, „die nicht nur die Addition von Vorhaben zum Tagesthema macht“. Es gelte, den „Grundkonsens in einer Gesellschaft zu verändern über Werte, die man anbietet“. Aber es hänge auch vom Wähler ab, ob Politik wieder auftauche. "Dazu braucht eine Demokratie Zeit für das Nachdenken und auch Nachdenklichkeit", so Professor Korte.

Beim abschließenden Imbiss gab es reichlich Gelegenheit zu Gespräch und Begegnung. Großzügig zeigten sich die vielen Gäste auch bei einem spontanen Spendenaufruf der Bischöflichen Aktion Adveniat für die Opfer der Erdbebenkatastrophe in Haiti. In den Körbchen gab es mehr Scheine als Münzen. Als Soforthilfe steuert Adveniat 3,5 Millionen Euro bei. (do)

Grußwort von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck  

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